Senkrecht - Waagerecht - Strukturen

Auszug aus einer Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung der "Galerie am Dom" in Brandenburg vom 11.01.04:

...Die Arbeiten von Gisela Rothkegel, die hier zu sehen sind, entstanden im Laufe der letzten drei Jahre und zeigen innerhalb dieses kurzen Zeitraums schon recht unterschiedliche Ansätze. Gemeinsam ist ihnen die malerische Auseinandersetzung mit der elementaren Struktur des Senkrecht - Waagerecht.

Die ersten Bilder zeigen eine Struktur aus fingerbreiten, horizontal und vertikal verkreuzten Parallelen über einer Untermalung - zunächst Aktdarstellungen aus der Studienzeit und dann eigens dafür angelegte Farbfelder. Die gewebeartige Gliederung ist durch variierende Dichte, Flottungen und verzogene Linien nicht ganz regelmäßig. Räumliche Wirkung gewinnt die Struktur in der überlagerung einzelner Linien und v. a. in der Schichtung des Gefüges. Die Kompositionen werden in verschiedenen Farbvariationen durchgeführt, entweder dominiert Rot oder Gelb, ganz selten Blau.

Vor zwei Jahren beginnt Gisela Rothkegel - die Arbeit von Musik begleitet - mit der Folge der Farbklangbilder. Die Fläche ist aus quadratischen oder rechteckigen Farbfeldern aufgebaut. Nach wie vor dominiert eine Farbe, die jetzt in fast serieller Weise in ihren Helligkeiten und tonalen Abstufungen - der ?Modulierung", wie C√©zanne sie bezeichnete - untersucht wird. In den kleinen quadratischen Formaten (30 x 30 cm) ist sie pastos aufgetragen, in vielen der größeren Bilder auch dünn. Dies unterstreicht die Wirkung der miteinander harmonierenden Farben, während das Relief des öls ein Spannungsverhältnis zum Farbklang erzeugt. Die gewebeartige Struktur, die die vorangegangenen Arbeiten auszeichnete, ist noch im horizontal und vertikal wechselnden Richtung des Pinselduktus vorhanden. Das auf diese Weise rhythmisch gegliederte Farbgefüge entsteht so parallel zur musikalischen Harmonie.

Die neuesten, von Weiß bestimmten Bilder baut Gisela Rothkegel weniger streng als die Farbklangbilder. Sie erinnern an verwitterte, von Fenstern gegliederte Fassaden. Das neue Atelier mit Blick auf Fabrikhinterhöfe wirkt sich anscheinend aus. Struktur und Farbgebung sind insgesamt variabler, die Arbeitsweise weniger systematisch als spielerisch. Innerhalb der Palette herrscht Weiß vor, mit dem lichtes Ocker und Pastellfarben harmonieren, während Rot und Schwarz, zusammengestellt in leiterartigen Farbbahnen, kräftige Akzente setzen. Farben sind in mehreren Schichten angelegt, die durch Wegkratzen zum Vorschein kommen können. Stellenweise sind sie auch miteinander vermalt. Die Struktur des Senkrecht - Waagerecht löst sich allmählich auf. Zu finden ist sie noch im Richtungsechsel des Pinsels und in den dünnen Linien, die die Bildränder miteinander verspannen.

Insgesamt gewinnen die Arbeiten Gisela Rothkegels ihren Reiz aus dem Spannungsverhältnis der Struktur des Senkrecht - Waagerecht als rationalem, architektonischen Prinzip und in der Farbgestaltung und variablen Gliederung verwirklichten malerischen Umsetzung.

Dr. Friederike Hauffe, Kunsthistorikerin, Berlin

 

 

Textauszug aus dem Katalog: Farbe nach Berlin (2004)

An der Schnittstelle von Individualität und Ordnung, von subjektivem Statement und strenger Kalkulation operieren die Malereien von Gisela Rothkegel.. Auch sie baut ihre Bilder in seriellen Reihen und auf der Grundlage normativer Strukturen auf. Immer wieder ist es das rektanguläre System aus horizontalen und vertikalen Linien, über dem sich die künstlerische Emotionalität und der spontan entwickelte Gestus ihre Freiräume erobern. Entweder entwickelt die Lineatur ein bewegtes Eigenleben, das sich wie weitere Bedeutungsschichten über ein Grundraster legt, oder aber ein Netz von filigranen Zeichen und skriptoralen Kürzeln überzieht streng aufgebaute Farbflächen mit einer weiteren Informationsebene. Nicht nur im Kontrast dunkler gegen helle Bildflächen, sondern auch in der graduellen Modellierung monochromer Farbnuancen entwickeln die Bilder eine weitergehende Tiefenräumlichkeit, die über ein rein strukturelles Interesse hinausweist und malerische Freiheit findet.

Dr. Ralf Hartmann, Kunsthistoriker, Berlin

 

gisela